Aufgeschlagenes historisches Buch mit handschriftlichen Einträgen auf einem Schreibtisch neben Tastatur und Computermonitor

Wissenschaft & Forschung im Domarchiv

Bewahren, Erforschen, Vermitteln

Das Domarchiv ist eine wichtige Quelle für die historische Forschung. Es bewahrt wertvolle Bestände zur Geschichte des Stephansdoms und seines kulturellen Erbes. Die vielfältigen Forschungsprojekte tragen maßgeblich dazu bei, historische Sammlungsbestände zu sichern, wissenschaftlich zu erschließen und nachhaltig zu vermitteln.

Re-Inventarisierung der Domkirche St. Stephan und Erstellung eines Kunstgut-Inventars

In den Beständen des Domarchivs gibt es seit alters her eine Reihe von Inventaren über den Reliquienschatz und die Domkirche selbst, beginnend mit dem ausgehenden 14. Jahrhundert. Sie stellen eine wichtige Quelle über die Ausstattung des Domes und die liturgischen Gerätschaften dar.

Reliquiar des Heiligen Gregor von Nazianz mit bekröntem Schädel in einem reich verzierten, vergoldeten Schrein
Historische Vitrinenschränke mit vergoldeten Reliquiaren, Kreuzen und einem Schrein im Dommuseum
Vergoldetes Reliquiar in Form einer gotischen Kirche mit geschmückten Reliquien hinter Glas

Forschungsprojekt: Re-Inventarisierung & Kunstgut-Inventar

Auftrag der Neu-Inventarisierung

Die letzte Gesamtinventarisierung des Stephansdoms fand zu Beginn der 2000er-Jahre statt. Im Jänner 2024 erteilte das Metropolitan- und Domkapitel von St. Stephan dem Domarchiv den Auftrag, eine Neu-Inventarisierung des Kunstguts in Zusammenarbeit mit dem Referat für Kunst- und Denkmalpflege der Erzdiözese Wien zu erstellen. 

Der Abschluss des Projekts ist für Ende 2027 geplant. Bis Sommer 2026 wurden bereits rund 4.000 Objekte erfasst.

Umfang des Inventars

Das Inventar umfasst das gesamte Kunstgut der Kathedrale. Dazu zählen unter anderem: 

  • Altäre
  • liturgische Geräte
  • Reliquien 
  • Paramente
  • Glocken
  • Orgeln
  • etc.

Inventarisierung als rechtliche und kulturelle Verpflichtung

Ein aktuelles, präzises und abfragbares Inventar ist nicht nur eine rechtliche Verpflichtung, sondern auch ein wesentlicher Beitrag zur kulturellen und liturgischen Sicherung der anvertrauten Objekte. Es schafft verlässliche Grundlagen für künftige Projekte des Stephansdoms und ermöglicht die rasche Beantwortung von Anfragen. Die fotografische Dokumentation unterstützt zudem Restaurierung und Erhaltung, trägt zur Diebstahl- und Verlustsicherung bei und schafft ein professionelles Fotoarchiv.

Urkunden im Domarchiv von St. Stephan

Einen wichtigen Bestand des Domarchivs von St. Stephan stellen die Urkunden dar. Er besteht aus spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Urkunden der Cur von St. Stephan (1323–1579), großformatigen Cur-Urkunden aus der Barockzeit (1642–1776) sowie Stiftungsurkunden (bis in das frühe 20. Jahrhundert).

Forschungsschwerpunkt: Erschließung & Erhaltung des Urkundenbestandes

Cur von St. Stephan

Als „Cur von St. Stephan“, heute „Erzbischöfliche Cur St. Stephan“ (von „cura animarum“, Seelsorge), werden jene Priester an der Stephanskirche bezeichnet, die den (Dom-) Pfarrer (er trägt zusätzlich den Titel „Cur- und Chormeister“) in der konkreten Seelsorge vor Ort unterstützen.

Unter Pfarrer Gerhard von Siebenbürgen († 1271) wird in einer Urkunde von 1267 zum ersten Mal eine Priestergemeinschaft („Ceche sacerdotum Ecclesie sancti Stephani“) genannt. Heute gilt die Cur von St. Stephan als eine der ältesten Priestergemeinschaften der katholischen Kirche.

Urkunden online abrufen
Die Cururkunden (1323–1579) sind auf Monasterium.net online abrufbar.

Diplomatik: Die Wissenschaft der Urkunden

Urkunden stellen schriftliche Zeugnisse über Gegenstände rechtlicher Natur dar. Jene Wissenschaft, die die Untersuchung historischer Urkunden zum Inhalt hat, wird als Urkundenlehre beziehungsweise Diplomatik bezeichnet.

Sie befasst sich mit der Analyse der äußeren Merkmale, wie Beschreibstoff, Tinte, Schrift, Format, Layout, graphische Ausstattung, Siegel etc., aber auch mit den inneren Merkmalen von Urkunden, wie Inhalt, Sprache, Urkundenformular etc.

Urkundeninhalte

Inhaltlich liegt der Schwerpunkt in den Urkunden des Domarchivs nicht auf Angelegenheiten, die mit dem Bau des Stephansdomes zu tun haben. Vielmehr geben sie Einblick in das liturgische Leben ihrer Zeit. Häufig wurden Seelgerät-, Ewiglicht-, Jahrtags- oder Messstiftungen urkundlich festgehalten. Auch die Armenfürsorge und die Stiftung von Altären spielten eine wichtige Rolle. Die Aussteller der Urkunden verfolgten damit die Absicht, für sich selbst oder ihre verstorbenen Angehörigen gewissermaßen eine „Ewigkeitsversicherung“ zu schaffen.

Erschließung und Erhaltung des Bestands

Im Zuge der Erschließung dieses Bestands werden die Urkunden nach den Regeln der Urkundenlehre untersucht. Dabei entstehen Regesten, also Zusammenfassungen, die den rechtsrelevanten Inhalt der Urkunden wiedergeben.

Zudem werden die Urkunden gereinigt und nach aktuellen archivfachlichen Standards konservatorisch neu verpackt.

Besondere Urkunden im Domarchiv St. Stephan

Der Urkundenbestand des Domarchivs von St. Stephan gibt einen guten Einblick in die zeitgenössische Frömmigkeit sowie die Gottesdienst- und Gebetspraxis. Es handelt sich gleichsam um ein verschriftlichtes Glaubenszeugnis der Menschen vergangener Zeiten.

Urkunde Kaiser Karls VI. vom 5. Februar 1739 zur Bestätigung einer Stiftung des verstorbenen Oberknechts Johann Paßler für das St.-Johann-Nepomuk Spital in der Vorstadt Landstraße.

Urkunde Kaiser Karls VI.

Urkunde Kaiser Karls VI. vom 5. Februar 1739 zur Bestätigung einer Stiftung des verstorbenen Oberknechts Johann Paßler für das St.-Johann-Nepomuk-Spital in der Vorstadt Landstraße.

Ablassbreve von Papst Benedikt XIII vom 18. Jänner 1730 für die "Bruderschaft von der Liebesversammlung zum Troste der Sterbenden

Ablassbreve von Papst Benedikt XIII.

Ablassbreve von Papst Benedikt XIII. vom 18. Jänner 1730 für die „Bruderschaft von der Liebesversammlung zum Troste der Sterbenden“.

Urkunde des Sebastian Passtler, seiner Frau Elisabeth und deren Tochter Anna vom 4. Februar 1565, in der sie der Cur einen Weingarten stiften.

Urkunde zur Stiftung eines Weingartens an die Cur

Urkunde des Sebastian Passtler, seiner Frau Elisabeth und deren Tochter Anna vom 4. Februar 1565, in der sie der Cur einen Weingarten stiften.

Urkunde des späteren Kaisers Ferdinand I. vom 14. August 1557 zum Verkauf eines Grundstückes an die Cur

Urkunde zum Verkauf eines Grundstücks an die Cur

Urkunde des späteren Kaisers Ferdinand I. vom 14. August 1557, in der der Verkauf eines Hauses und eines Gartens der Cur in Erdberg bestätigt und bewilligt wird.

Urkunde des Pankratius Kircher aus Dornbach, seiner Frau Martha und seines Bruders Andreas Kircher vom 5. September 1471 bezüglich der Pachtung eines Weingartens

Urkunde zur Pachtung eines Weingartens

Urkunde des Pankratius Kircher aus Dornbach, seiner Frau Martha und seines Bruder Andreas Kircher vom 5. September 1471 bezüglich der Pachtung eines der Cur gehörenden Weingartens.

Kooperationsprojekte

Das Domarchiv St. Stephan arbeitet bei verschiedenen Forschungs- und Erschließungsprojekten mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zusammen. 

Historische Notenhandschrift mit Notenzeilen, dem Vermerk „Fine. 1865.“ und handschriftlichen Datierungen

Musik an der Metropolitan- und Domkirche Sankt Stephan in Wien

Seit jeher wird an St. Stephan großer Wert auf die feierliche Gestaltung der Liturgie gelegt. Über die lange Musiktradition ist jedoch noch wenig bekannt. Ein gemeinsames Forschungsprojekt des Domarchivs und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) widmet sich dieser reichen und bis heute lebendigen Tradition.

Innschrift am Grabmal für Johannes Kaltenmarkter 1506 Eligiuskapelle

Deutsche Inschriften: Edition der Inschriften des Stephansdoms (von den Anfängen bis 1520)

Zahlreiche Inschriften und Gedenksteine schmücken die Fassade und den Innenraum des Stephansdoms. Im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojekts des Domarchivs und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) werden sie systematisch erfasst und ediert.

Kontakt

Für Fragen zu Wissenschaft & Forschung sind wir gerne für Sie da.

Bei Fragen zu Re-Inventarisierung & Kunstgut-Inventar

Reinhard H. Gruber mit Brille, Bart und grauem Sakko

Reinhard H. Gruber, MA

Domarchivar

Bei Fragen zum Urkundenbestand

Porträt von Mag. Pia Tüchler mit Brille, weißer Bluse und schwarzem Blazer

Mag. Pia Tüchler, MA

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Mehr Wissenswertes über den Stephansdom

Stephansdom Aussenansicht nach dem Dombrand 1945

Geschichte

Seit über 800 Jahren ist der Wiener Stephansdom das Herz der Stadt Wien. Jede Epoche hat ihre eigenen Spuren hinterlassen.

Bearbeitetes gotisches Werkstück aus Sandstein auf einer Werkbank in der Dombauhütte

Dombauhütte

Die Wiener Dombauhütte widmet sich seit dem Mittelalter dem Bau und Erhalt des Stephansdoms.

Reliquiar des Heiligen Gregor von Nazianz mit bekröntem Schädel in einem reich verzierten, vergoldeten Schrein

Domschatz

Bewundern Sie den Domschatz von St. Stephan im Dommuseum Wien – direkt am Stephansplatz neben dem Dom.

Hände bearbeiten ein verziertes Werkstück aus Sandstein mit Meißel und Klüpfel in einer Dombauhütte

Restaurierung

Stein für Stein bewahrt die Wiener Dombauhütte den Stephansdom für kommende Generationen. Traditionelles Handwerk trifft auf modernste Restaurierung.