Geschichte der Wiener Dommusik
Die Geschichte der Dommusik reicht bis in die Anfänge von St. Stephan als Pfarrkirche des mittelalterlichen Wiens zurück. Seit Jahrhunderten ist sie ein wichtiger Bestandteil des liturgischen und spirituellen Lebens im Dom und hilft, die Herzen der Menschen für die Liturgie zu öffnen. Und wie sagte schon der große Kirchenlehrer Augustinus: Wer singt, betet doppelt!
Geschichte der Wiener Dommusik
13./14. Jahrhundert
Die Anfänge
Ein genaues Gründungsdatum der Musik am heutigen Stephansdom gibt es nicht. Die Anfänge reichen in die Frühzeit als Pfarrkirche zurück. Die Kapelle setzte sich zu dieser Zeit aus Klerikern und musikalischen Knaben der Domschule (Collegium civium) unter der Leitung eines Kantors zusammen. 1334 wird erstmals eine Orgel erwähnt (die sogenannte „kleine Orgel“ wurde 1513 auf den neuen Orgelfuß von Meister Pilgram transferiert und wahrscheinlich erst 1797 abgetragen).
1365/1446/1460
Kapell- und Schulordnungen
Mit der Gründung des Kollegiatkapitels durch Herzog Rudolf IV. wird 1365 erstmals eine organisierte Dommusik urkundlich festgehalten. Das Anwachsen der Aufgaben (Wien wurde 1469 zum Bistum erhoben) und der musikalischen Herausforderungen erforderte eine eigene Kapell- und Schulordung. Die Schulordnung von 1446 ist die älteste Schulordnung Wiens und regelt das Zusammenspiel von Musikdiensten und Unterricht für die Kantoreiknaben. 1460 wurde eine Kantoreiordnung erlassen, die genau die Aufgaben von Kantor, Subkantor, Sängern, Schulmeister, Kapellknaben und Organist festhielt.
15. Jahrhundert
Zeit der Blüte
Eine erste Hochblüte erlebte die Dommusik unter dem ersten namentlich bekannten Kantor, Hermann Edlerauer. Reste eines Chorbuches aus St. Stephan („Wiener Codex“) aus der Zeit 1380–1415 befinden sich heute auf Stift Melk und Nürnberg aufgeteilt. 1391/1404 wurde eine weitere Orgel (als „gross orgell“ bezeichnet) von Jörg Behaim wahrscheinlich auf dem Lettner errichtet.
Die Orgel über dem Füchsel-Baldachin
Mit dem Abbruch des Lettners (ca. 1480) wurde die Behaim-Orgel auf eine neue Empore über dem sogenannten Füchsel-Baldachin umgesetzt. 1507 schuf Burchhard Tischlinger eine neue große Orgel, die über lange Jahre berühmteste Orgel des Domes. Sie wurde bis circa 1797 gespielt und dann wegen Baufälligkeit abgetragen. Reste dieser Musikempore und der Eingang auf die Empore sind heute noch im Dom zu sehen.
17. Jahrhundert
Die Domkapelle entsteht
Durch die katholische Erneuerung nach der Zeit der Reformation und die Erhebung des Bischofs in den Reichsfürstenstand 1631 entwickelte sich auch die Musik am Dom rasch weiter. Ab 1619 wurde die alte Kantorei unter Christoph Strauss zur Domkapelle. Weitere bedeutende Musiker waren Wolfgang Ebner oder der spätere Hofkapellmeister Johann Heinrich Schmelzer. 1647 wurde im Apostelchor eine neue Orgel aufgestellt und die Dommusik bezog genau den Raum, in dem sie auch heute wieder wirkt.
18. Jahrhundert
Musik für einen lebendigen Dom
Die barocke Frömmigkeit brachte auch die Kirchenmusik zum Erblühen. 1702 wurde eine neue Musikempore mit Orgel (Römer) über den nördlichen Ratsherrengestühl (Rollinger-Gestühl) errichtet. Diese war bis zum Dombrand 1945 die Hauptwirkungsstätte der Dommusik. Neben der Domkapelle gab es fast 100 Jahre lang eine eigene Kapelle beim Gnadenbild von Maria Pócs. Zu den bedeutendsten Musikern am Dom zählten Johann Joseph Fux, Georg Reutter der Ältere und der Jüngere und die Brüder Joseph und Michael Haydn.
19. Jahrhundert
Tradition und Innovation
Die Josephinischen Reformen führten auch am Dom zu Veränderungen in Organisation und Repertoire. Mit dem „Theresianischen Gesangbuch“ (1767) und dem Gesang- und Orgelbuch von Domkapellmeister Joseph Preindl (ca. 1810/15) wurde grundlegendes Liedgut geschaffen, das teilweise bis heute gepflegt wird. Der langjährige (48 Jahre!) Domkapellmeister Gottfried von Preyer prägte in der zweiten Jahrhunderthälfte mit großbesetzten Orchestermessen im spätklassischen Stil die Musik am Dom.
Die Walker-Orgel
Mit der Übersiedlung des Landesfürsten von der Westempore in das neue Kaiseroratorium über dem südlichen Rollinger-Gestühl Mitte des 17. Jahrhunderts entstand der Plan, auch am Stephansdom eine große Westemporen-Orgel zu errichten. 1720–22 baute Ferdinand Joseph Römer diese erste Westemporen-Orgel, die aber akustisch unbefriedigend blieb und nur wenige Jahrzehnte gespielt wurde. 1886 errichtete die Firma Walcker im barocken Prospekt der Römer-Orgel eine auch im Klang zufriedenstellende neue Orgel. Diese wurde beim Dombrand 1945 zerstört.
20. Jahrhundert
Katastrophen und Neubeginn
Der erste Weltkrieg, das Ende der Monarchie und die folgende Wirtschaftskrise blieben nicht ohne Folgen für die Dommusik. Um die Finanzen zu verbessern, wurde 1921 ein Dommusikverein gegründet und mit der Veranstaltung von Konzerten im Dom begonnen. Katastrophal wirkte sich der Dombrand 1945 auf die Musik aus: alle Orgeln im Dom und die Musikempore wurden zerstört, ebenfalls (bis auf einen kärglichen Rest) das Notenarchiv. Mit der Fertigstellung der neuen Riesenorgel (Kaufmann) übersiedelte die Dommusik für wenige Jahre auf die Westempore. Aufgrund der neuen Anforderungen des 2. Vaticanum an die Kirchenmusik wurde der Wirkungsort (wie schon 1647–1702) in das Apostelschiff verlegt.
Gegenwart
Die Wiener Dommusik
Die heutige Dommusik vereint Wiener Domchor, Vokalensemble St. Stephan, Capella St. Stephan, Choralschola St. Stephan, Kantorinnen und Kantoren sowie das Wiener Domorchester und wird von Domkapellmeister Markus Landerer geleitet.

Erste Vollendung von Mozarts c-moll-Messe
Nicht nur Mozarts Requiem blieb unvollendet, auch seine Große Messe in c-moll. 1847 wagte Domkapellmeister Joseph Drechsler einen Versuch, das Meisterwerk zu vollenden. Mit 28. Oktober 1847 trug Drechsler seine Bearbeitung in den Musicalien-Catalog ein. Unter großem Applaus wurde dieser erste Versuch der Vollendung der c-moll-Messe von Mozart am Ostermontag, den 24. März 1848 zu Gehör gebracht.
Chronologie
Domkapellmeister & Kantoren
Die Anfänge der Dommusikkapelle an St. Stephan liegen im Dunkeln. Wahrscheinlich gab es bereits bald nach der Errichtung der Pfarre, wohl aber seit der Gründung einer Domschule an St. Stephan (Collegium civium, gegründet vor 1237) eine musikalische Ausgestaltung der Liturgie durch Kleriker und Kantoreiknaben. Anfangs war die Leitung der Musik in den Händen eines Kantors. Erst mit dem Beginn des Barock und der Änderung des Musikstils zu Beginn des 17. Jahrhundert wurde die Leitung der Cantorey zu St. Stephan in die Hände eines Domkapellmeisters gelegt. Den Kantoren bzw. Kapellmeistern zu Seite standen je nach Bedarf Subkantoren bzw. Adjunkten, Lehrer für die Sängerknaben, Kopisten und Archivare. Da nur in Ausnahmefällen die Anstellungsdekrete der Kapellmeister überliefert sind, stellen die Kirchenmeisteramtsrechnungen eine verlässliche Quelle für die Geschichte der Dommusik von 1404 bis in die 1830er Jahre dar.
Kantoren
- 1439–1443 Hermann Edlerauer (auch Edlerawer) (ca. 1395– ca. 1458)
- 1463 Thomas List
- 1501–1504 Kaspar Manndl
- 1509–1527 Kaspar Slussler
- 1527–1529 Georg Stennczl
- (1529) 1531–1536 Hanns Lanckbuss (auch Lankbusch)
- 1536–1545 Mathes Tutt (auch Thut / Thun)
- 1536–1552? Wolfgang Gebhart
- 1553 Kaspar (Stephan) Capus
- 1553–1569 Lukas Plassmanx
- 1571–1572 Michael Petauer (auch Pethauer / Peltauer)
- 1572–1573 Simon de Roy (gest. vor März 1574)
- 1573–1580 (1585) Judas Pyerpant (auch Pierpandt)
- 1585?–1600 Hilarius Nunitsch
- 1600–1609 Wolf(gang) Khöberl
- 1609–1619 (?) Quintin de la Court
Domkapellmeister
- 1619–1631 Christoph Strauss (ca. 1575–1631)
- 1631–1633 Johann Kreutzer
- 1632 (1634) –1663 Johann Winsauer (Windtsauer) (ca. 1595–1670)
- 1663–1665 Wolfgang (Wolff) Ebner (ca. 1611–1665)
- 1665–1666 Georg Kopp (nach 1600–1666)
- 1666–1678 P. Augustin Kerzinger (auch Kürzinger)
- 1678–1679 Michael Stadler (ca. 1639–1679)
- 1679–1705 Johann Michael Zacher (Zächer) (1651–1712)
- 1712–1715 Johann Josef Fux (ca. 1659/60–1741)
- 1715–1738 Georg Reutter d. Ä. (1656–1738)
- 1738 (1736?)–1772 Georg Reutter d. J. (1708–1772)
- 1772–1793 Leopold Hofmann (1738 – 1793)
- 1793–1809 Johann Georg Albrechtsberger (1736–1809)
- 1809–1823 Josef Preindl (1756–1823)
- 1824–1844 Johann Baptist Gänsbacher (1778–1844)
- 1844/45 Joseph Blahak (Blahack) (1780–1846) [provisorisch bestellt]
- 1845–1852 Josef Drechsler (eigentlich Traxler) (1782–1852)
- 1853–1901 Gottfried von Preyer (1807–1901)
- [1901–1902] Rudolf (Lambert) Bibl (1832–1902) [designiert, aber nicht bestellt]
- 1903–1921 August Weirich (1858–1921)
- 1921–1946 Ferdinand Habel (1874–1953)
- 1946–1983 Anton Wesely (1908–1983)
- 1983–1991 Peter Planyavsky (Dommusikdirektor, *1947)
- 1991–2005 Johannes Ebenbauer (*1963)
- 2005–2006 Günter Knotzinger (interimistischer Leiter, *1943)
- ab 2007 Markus Landerer (*1976)
Adjunkt des Domkapellmeisters
- 1791 Wolfgang Amadé Mozart (1756–1791) [Bestellung unsicher]
- 1791–1793 Johann Georg Albrechtsberger (1736–1809)
- 1793–1809 Joseph Preindl (1756–1823)
Gnadenkapelle
Mit der Übertragung des Gnadenbildes von Maria Pocs an den Wiener Stephansdom auf Veranlassung von Kaiser Leopold I.1697 war eine umfangreiche Messtiftung verbunden, die auch prächtige Musik im „solennen Stil“ (d.h. mit Pauken und Trompeten) vorschrieb. Bezahlt wurden die Musiker der Gnadenbildkapelle aus eigenen Stiftungsgeldern, streng getrennt von der Cantorey, der Dommusikkapelle. Von Beginn an war die Gnadenbildkapelle eng an die kaiserliche Hofmusik in Repertoire wie Personal angebunden. Erst unter Georg Reutter d. Jüngeren vermengte sie sich zunehmenden mit der Dommusik. Im Zuge der Josephinischen Reformen wurden die Stiftungen der Gnadenbildkapelle eingezogen und die Kapelle Ende 1783 aufgelöst.
Kapellmeister der Gnadenbildkapelle 1697–1783
- 1697–1705 Johann Michael Zacher (Zächer) (1651–1712)
- 1705–1712 Johann Joseph Fux (1659/60–1741)
- 1712–1727/28 Georg Reutter der Ältere (1656–1738)
- 1727/28–1742 Johann Georg Reinhard (1676/77–1742)
- 1743–1756 Ferdinand Schmidt (Schmid) (ca. 1693–1756)
- 1756–1772 Georg Reutter der Jüngere (1708–1772)
- 1772–1783 Leopold Hofmann (1738–1793)
Domorganisten
Da die älteste Erwähnung einer Orgel für St. Stephan aus dem Jahre 1334 stammt, gab es wahrscheinlich spätestens mit Beginn des 14. Jahrhunderts Organisten an dieser Kirche. Anfangs wurden Organisten in den Quellen meist nur mit Vornamen erwähnt. Erst ab dem 16. Jahrhundert finden sich konkrete Namen. Aufgrund der zahlreichen musikalischen Aufgaben am Stephansdom gab es mindestens einen hauptberuflichen Domorganisten. Seit 1782 wurde neben dem Domorganisten ein Adjunkt zur Unterstützung angestellt, ab 1904 als 2. Organist bezeichnet. Seit 1984 gibt es die Funktion des Assistenten der Dommusik. Die berühmten Organisten Johann Caspar Kerrl und Johann Pachelbel waren leider nicht Domorganisten.
Domorganisten
- Um 1370 Peter, Orgelmeister
- 1404 Heinrich, Organist
- 1407 Hanns Meister, Orgelmeister
- 1416–1426 (?) Jörg Behaim
- 1503–1509 Wolfgang Schifer (Schiffer)
- ab 1505 oder 1515 Wolfgang Grefinger (zwischen 1470/80 – nach 1515)
- 1527–1542 Valentin Kiepsinger
- 1542–1556 Johann Waldeck
- 1566 Hieronymus Raph
- 1588 Abraham Strauss (†1599)
- (?)–1626 Johann Giersner
- 1624–1637 Wilhelm Schäffler
- 1632 Hyazinthus de S. Stephanno
- 1632–1634 Johann von Winsau / Win(dt)sauer (ca. 1595–1670)
- 1634–1637 Wolfgang (Wolff) Ebner (ca. 1611–1665)
- 1638 Johann Eisnerhamer
- 1639–1650 Johann Conrad Saltzer
- 1650–1668 Wendelin Hueber (ca. 1615–1679)
- 1668–1673 Lucas Mayrginther (ca. 1641–1686)
- 1684–1686 Lucas Mayrginther
- [1673–1676 (?) Johann Pachelbel (1653–1706) Hilfsorganist?]
- 1686–1715 (1720) Georg Reutter d. Ä. (1656–1738)
- 1709 Gottlieb Muffat (1690–1770)
- 1716–1722 Franz Anton Römer (1687–1722)
- 1722–1736 Carl Reutter (1699–1736)
- 1738–1750 Anton Neckh (†1759)
- 1761 (?)–1785 Matthäus Mittlmayr
- 1803–1809 Georg Summer
- 1809–1810 Franz Teyber (1758–1810)
- 1811–1818 Joseph Achleitner (1791–1828)
- 1818–1878 Andreas Bibl (1797–1878)
- 1875–1898 Carl Schüller
- 1898–1921 Viktor Boschetti (1871–1933)
- 1921–1946 Karl Walter (1892–1983)
- 1946–1969 Wilhelm Rudolf Mück (1898–1973)
- 1969–2005 Peter Planyavsky (*1947)
- 2005–2015 Stelle nicht besetzt
- seit 2016 Konstantin Reymaier (*1967) & Ernst Wally (*1976)
Organisten-Adjunkt (1782–1898)
- 1782–1803 Georg Summer
- 1803–1809 Franz Teyber (1758–1810)
- 1809–1810 Joseph Achleitner (1791–1828)
- 1811–1818 Andreas Bibl (1797–1878)
- 1859–1875 Rudolf Bibl (1832–1902)
- 1881–1897 Franz Dirnbacher (2. Organist)
- 1896–1898 Viktor Boschetti (1873–1933)
2. Organist (1904–1946)
- 1903–1909/10 Josef (Maria) Böhm (1875–1964)
- 1910–1919 Karl Schöfmann d. Jüngere (1886–1945)
- 1919 Rudolf Geissler
- 1919–1946 Wilhelm Rudolf Mück (1898–1973)
Vertretungsorganist (1960–1990)
- 1960–1990 Maximilian Frischmann (1920–2003)
- 1960–1990 Franz Falter (1931–2014)
Assistent der Dommusik (1984–2010)
- Assistent der Dommusik (1984–2010)
- 1984 Albert Mülleder (1961–1999)
- 1985–1991Johannes Ebenbauer (*1963)
- 1987–1989 Herbert Gasser (*1963)
- 1989–heute Thomas Dolezal (*1965)
1989–2005: Assistent
2005–2010: Dommusikus
ab 2010: Organist - 2007–2015 Ernst Wally (*1976)
2007–2010: Assistent
2010–2015: Organist
ab 2016: Domorganist




