Blickwinkel, die kaum jemand zu Gesicht bekommt
Früher habe ich mir oft die Frage gestellt, wer ich sein möchte oder was ich vielleicht einmal werden kann, aber nie: „Was möchte ich können?“ Zum Glück habe ich sie mir irgendwann dann doch gestellt, und ab diesem Zeitpunkt ging alles ganz schnell. Zwei Monate später begann ich meine Lehre. Dingen eine Form zu geben, hat mich auf die eine oder andere Art mein ganzes Leben begleitet, und das mit Abstand interessanteste Material war für mich Stein. Ich war noch in der Berufsschule, als ich das erste Mal in der Werkstatt war, und wusste sofort, dass ich ein Teil dieser Dombauhütte sein möchte. Also versuchte ich mein Glück, und obwohl ich nicht besonders viel Erfahrung mitbringen konnte, bekam ich eine Chance. Seitdem ist schon viel Zeit vergangen, und ich konnte bei spannenden Projekten Erfahrungen sammeln und sehr viel von meinen Arbeitskollegen lernen. Die Arbeit ist abwechslungsreich. Die Aufgaben der Bauhütte beschränken sich bei weitem nicht nur auf die Restaurierung der Fassade der Domkirche, und so kommt es vor, dass man in den verschiedensten Gewerken Hand anlegt und einen kleinen Einblick erhält.
Wie aus einem rohen Block ein Teil des Doms wird
Am liebsten ist mir jedoch das „Steinmetzen“, und darin besteht auch unsere Hauptaufgabe. Die im Winter gefertigten Stücke finden im Sommer ihren Platz an der Fassade. So wandern wir mit den Jahreszeiten von der Werkstatt auf das Gerüst und wieder zurück. Im Winter tut es gut, dabei zuzusehen, wie aus einem rohen Block ein Teil des Doms entsteht. Die oft sehr kleinteiligen Werkstücke gleichen am Anfang geometrischen Rätseln, denen man erst mit der richtigen Technik und etwas Vorstellungskraft ihre Lösung entlocken kann. Doch Fläche für Fläche und Schlag für Schlag wird das Werkstück immer deutlicher erkennbar, und ehe man sich versieht, ist aus dem rohen Block eine elegante Fiale oder eine schöne Kreuzblume geworden. Im Sommer ist beim Versetzen der fertigen Werkstücke besondere Vorsicht geboten. Sie sind oft wuchtig und müssen unbeschadet an ihrem Bestimmungsort ankommen, um dort präzise eingerichtet zu werden. Die unterschiedlichen Formen und der reiche Ornamentschmuck am Dom erzeugen immer wieder neue Problemstellungen, an die man sich individuell anpassen muss. Der Austausch ganzer Bauteile wird jedoch so gering wie möglich gehalten. Deshalb finden kleine Reparaturen und Ausbesserungen direkt vor Ort statt.
Dem Dom als Bauwerk ganz nahe
Dabei ist es für mich etwas Besonderes, dem Bauwerk so nahe zu sein. Sich auf Augenhöhe mit Wasserspeiern und den Ornamenten des Doms zu bewegen, eröffnet einem Blickwinkel, die kaum jemand zu Gesicht bekommt. Jedes neue Detail, das ich entdecke, steigert für mich die Schönheit des Doms. Das handwerkliche Geschick, mit dem schon so viele Generationen vor mir an diesem Bauwerk gearbeitet haben, beeindruckt mich bis heute. Egal, wie hoch man steigt oder in welchen Winkel man schaut: Überall wurde mit der gleichen Liebe zum Detail gearbeitet. Auch wenn meine Arbeitszeit im Vergleich zum Alter des Doms nur sehr kurz ist, empfinde ich es als großes Glück, einen kleinen Teil seiner Geschichte mitzuerleben und meine Spuren zu hinterlassen. Danke an alle, die das möglich machen.
